PAMINA nicht nur ein Kunstbegriff,
sondern eine pädagogische Chance

Liebe Schülerinnen und Schüler, Liebe Gäste, liebe Eltern, 
Liebe Kolleginnen und Kollegen,

 
  pamina regional 

 

Nomen est Omen  -  Der Name ist Programm

Als wir uns vor einigen Monaten nach einem konstruktiven Diskussionsprozess mit allen Beteiligten und Verantwortlichen auf die Bezeichnung "PAMINA-Schulzentrum" für unsere Schule geeinigt hatten, intensivierte sich bei mir der Prozess des Nachdenkens darüber, welche Identifikationsmöglichkeiten, welche erzieherischen Herausforderungen und Chancen hinter dieser Bezeichnung verborgen sein könnten. Natürlich war uns allen klar, dass diese Bezeichnung einer Euroregion sich sehr gut mit unserem Ansatz der Erziehung zu Weltoffenheit und Heimatverbundenheit in einem Europa der identitätsstiftenden Regionen vereinbaren läßt. Es ist auch kein Kunststück Namensbestandteile oder Buchstaben des PAMINA-Begriffs so umzudeuten, dass ein mehr oder weniger gelungener pädagogischer Spruch zustande kommt; z.B. "Pädagogische Arbeit Muss Immer Neu Anspornen" als Wahlspruch unserer Lehrerinnen und Lehrer oder "Persönlichkeit - Achtung - Mut - Interesse - Natürlichkeit - Anstand" wollen wir unseren Schülerinnen und Schülern vermitteln. Nun das schien mir aber nicht sonderlich originell und auch nicht sehr überzeugend. Wenn man mit einem Gedanken nicht weiterkommt, so ist es methodischer Standard einmal an die Quelle zu gehen.

Zurück zu den Wurzeln - welchen Ursprung hat dieser Begriff PAMINA eigentlich? Und siehe da: Bei genauerer Beschäftigung mit Mozarts Zauberflöte wurde mir bewußt welche Möglichkeiten der pädagogischen Deutung uns hier geboten werden, ein unverhoffter, weil erst nachträglich erkannter, aber durch die intensive Arbeit in der Namens-findungskommission nicht ganz unverdienter Glücksfall. Lassen Sie mich ganz kurz Inhalt und Hintergrund der Zauberflöte in Ihr Gedächtnis rufen: Die Oper "Die Zauberflöte" war Wolfgang Amadeus Mozarts letztes Bühnenwerk. Es entstand kurz vor seinem Tod im Jahre 1791. Die Uraufführung fand am 30.09.1791 in Wien statt und Mozart dirigierte die Aufführung vom Flügel aus. Heute ist das Werk die meistgespielte und meistinszenierte Oper im deutschsprachigen Raum. Der Text und das Libretto stammen von dem Schauspieler, Sänger und Dramatiker Emanuel Schikaneder, einem Freund Mozarts. Bei der Dichtung seines Zaubermärchens stützt er sich auf Vorlagen der Märchendichtung und der Volkskomödie. Die Handlung spielt in einem Märchenland mit Anspielungen auf Ägypten. Das Grundmotiv ist in märchenhafter Form der Kampf zwischen Gut und Böse.

Zur Handlung: Als der Vater Paminas starb, ging die Macht seiner Gattin, der Königin der Nacht zu Ende, denn der Vater hatte vor seinem Tode sein Herrschaftszeichen den siebenfachen Sonnenkreis den Eingeweihten übergeben. Sarastro verwaltet jetzt das Erbe des Sonnenkönigs. Die Königin der Nacht will sich mit ihrer Tochter Pamina aber nicht dem Willen der weisen Männer um Sarastro, den Eingeweihten unterordnen. Sie  trachtet danach diesen Bund zu vernichten, um für sich selbst die Macht zurückzugewinnen. Um ihrer Absicht zuvorzukommen, hat Sarastro Pamina die eigentliche Erbin des Sonnenkönigs entführt. Die Königin der Nacht wählt den Prinzen Tamino aus, um ihre Tochter zu befreien. Er verliebt sich sofort in das Bild Paminas. Davon zeugt die wunderschöne Arie im vierten Auftritt:  "Dies Bildnis ist bezaubernd schön, wie noch kein Auge je gesehen, ich fühl es wie dies Götterbild, mein Herz mit neuer Regung füllt." Tamino verspricht, Pamina aus den Händen des Dämons Sarastro zu befreien. Zum Schutz vor Gefahren erhalten Tamino und Papageno, der ihn begleiten soll Zauberinstrumente, eine Flöte und ein Glockenspiel. Tamino schickt Papageno voraus zu Sarastros Burg. Dort begegnet er Monostatos, dem Bewacher Paminas. Er verhindert, dass dieser Pamina weiter bedrängen kann. Beide fliehen und besingen ihre Liebessehnsucht im Duett "Bei Männern welche Liebe fühlen, fehlt auch ein gutes Herze nicht, ...". Papagenos und Paminas Fluchtversuch scheitert, Monostatos führt den in der Zwischenzeit ebenfalls angekommenen Tamino herein. Pamina sieht ihn zum ersten Mal. Sarastro eröffnet den Eingeweihten, dass er Tamino und Pamina als Königspaar ausersehen hat, das seine Nachfolge antreten soll. Sie müssen voneinander Abschied nehmen und sich den vorgeschriebenen Prüfungen unterziehen. Die Königin der Nacht hat Pamina gefunden und befiehlt ihr Sarastro zu töten. Sie kann das nicht und Sarastro lehrt sie dass nicht Rache, sondern Verständnis und Verzeihen das Handeln der Menschen bestimmen sollen. Tamino hält sich an seine Schweigepflicht als Pamina ihn anfleht, ihr seine abweisende Haltung zu erklären. Sie glaubt Tamino liebe sie nicht mehr und will sich umbringen, was aber verhindert wird. Sie wird zu den Schreckenspforten geführt, wo Tamino wartet und gemeinsam geht das Paar den Weg durch die Elemente Feuer und Wasser und überwindet gemeinsam Verzweiflung und Todesnot. Tamino und Pamina werden in den Kreis der Eingeweihten aufgenommen, Volk und Priester, Natur und Kultur sind wieder vereint. Die Strahlen der Sonne vertreiben die Nacht, vernichten der Heuchler erschlichene Macht.

Ich hoffe, es geht nicht nur mir so, dass man mit jeder Zeile fasziniert erkennt, dass diese Figur PAMINA aus der Zauberflöte, die klassische Personifizierung unseres neuen Schulnamens, reichhaltige Ansätze für ein pädagogisches Programm bietet, welches sich mit unseren Leitlinien in anregenden Einklang bringen läßt. Paminas Instrumente in der Oper sind die einen warmen menschlichen Ton verströmenden Klarinette, Horn und Fagott. Unsere Schülerinnen und Schüler bestätigen uns, dass sie den Umgang zwischen Lehrern und Schülern an unserer Schule, am PAMINA-Schulzentrum als herzlich, offen und warm erleben. Ist dies keine schöne Parallele, die es zu bewahren lohnt? Die g-Moll-Klage "Ach ich fühls, es ist verschwunden! Ewig hin der Liebe Glück! - Nimmer kommt ihr Wonnestunden meinem Herzen mehr zurück! Sieh Tamino diese Tränen Fließen Trauter Dir allein, Fühlst Du nicht der Liebe Sehnen - So wird Ruh im Tode sein", ist tief berührend, eine Kostbarkeit der Partitur. Gefühle werden zugelassen und ausgedrückt, eine Einstellung, die wir an unserer Schule ganz bewußt ernst nehmen und gezielt fördern. Spätestens seit dem Buch von Golemann "Emotionale Intelligenz" weiß man, dass Lebenserfolg und Lebensqualität viel stärker von kompetentem Umgang mit Gefühlen abhängen, als von der Aneignung schnell veraltenden kognitiven Ballastes.

PAMINA in der Zauberflöte erweist sich als eine starke Frau, die sich nicht von der Mutter zur Rache instrumentalisieren läßt, die Gewalt ablehnt und Sarastros Werben für Verständnis und Verzeihen akzeptiert. Werden hier nicht sofort deutliche Verbindungen zu unserem Profilschwerpunkt  "Gegen Gewalt und Rassismus" spürbar? PAMINA kämpft für Ihre Ideale, wehrt sich mutig gegen Nachstellungen, läßt sich zu nichts zwingen und vertraut auf die Kraft des Herzens, ist letztendlich sogar bereit Ihr Leben zu investieren. Gemeinsam mit einem Menschen dem sie vertraut besteht sie auch harte Prüfungen und gelangt schließlich in den Kreis der Eingeweihten.

PAMINA könnte eine Kultfigur, ein pädagogisches Ideal an unserer Schule werden, denn Ihre Einstellungen und Überzeugungen, Ihre Kraft, Ihr Vertrauen auf das Gute und Ihr Erfolg sind wertvollste hochstehende Lernziele, diese Kompetenzen und Persönlichkeitsmerkmale unseren Schülerinnen und Schülern zu vermitteln deckt sich mit vielen unserer Anstrengungen. Besonders für die Mädchen ist PAMINA eine besondere Motivation und Herausforderung, denn als erste Frau gelangt sie in den Zirkel der weisen Männer, in den Kreis der Eingeweihten.

So ist der Name "PAMINA-Schulzentrum" ein pädagogischer Glücksfall, der sich einem zwar erst nach dem zweiten, intensiveren Blick erschließt, aber das entspricht ja auch unserem Anspruch Vordergründiges zu vermeiden. Ich freue mich auf die Herausforderungen, die unsere Name darstellt und auf die lohnenden Umsetzungen des Auftrags, junge Menschen nach Bestehen vieler anspruchsvoller Prüfungen, das Vertrauen in Ihre Ideale zu vermitteln, sie dann in den Kreis der Eingeweihten zu führen. Vielleicht finden wir ja in Herxheim auch noch eine Zauberflöte, mit der man wilde Tiere, vielleicht sogar zur Gewalt bereite Menschen friedlich stimmen kann. Danke.

 

Lothar Bade (Schulleiter 1995-2016)